„Herbstflimmern!“

Das war der Literarische Herbst 2024

es klickt, hier, auf der scherbe, ein fang geht ins netz. oder das navi / spinnt.

Lara Rüter, amoretten in netzen

Ein Aufeinandertreffen des Ausnahme-Schauspielers Fabian Hinrich mit dem Dramatiker Wolfram Lotz im ausverkauften Ost-Passage Theater und der Junge Herbst! für Kinder und Familien im Werk 2 setzten den Schlusspunkt des Literarischen Herbsts 2024.

Die „nach der Leipziger Buchmesse zweitschönste Jahreszeit der Stadt“ – so Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke zum Auftakt im Alten Rathaus – wurde von den Leipzigerinnen und Leipzigern neugierig und lustvoll angenommen. Mehr als die Hälfte der Veranstaltungen waren komplett ausgebucht, darunter auch zahlreiche parallel angebotene Formate. Was Andrang, Interesse und Aufmerksamkeit für die von uns eingeladenen Autorinnen und Autoren betrifft, hat diese Herbst-Ausgabe eine neue Dimension erreicht. Wir finden: Der Erfolg ist eine Bestätigung unsers Konzepts, ein Kultur-Event für die ganze Stadtgesellschaft zu organisieren.

Höhepunkte waren ein Abend mit der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Anne Applebaum, das Format Beste erste Bücher im Ost-Passage Theater, ein Konzert von Bernd Begemann in der naTo oder die gemeinsame Lesung der frisch gekürten Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, Martina Hefter, mit ihrem Mann Jan Kuhlbrodt in der Galerie für Zeitgenössische Kunst. Erstmals fand die Verleihung des Sächsischen Literaturpreises an die Schriftstellerin Angela Krauß im Rahmen des Festivals statt.

Dass auch Abende wie die Begegnung der im französischen Exil lebenden Russin Maria Stepanova mit Übersetzerin Olga Radetzkaja und Lektorin Katharina Raabe oder die Präsentation einer Anthologie mit zeitgenössischen jüdischen Erzählungen aus Deutschland auf reges Interesse stießen, freut uns besonders. Insgesamt hatten die rund 30 Veranstaltungen mit 70 Mitwirkenden mehr als 2.200 Zuschauer. Die Highlights des Programms lassen sich mit den Herbst-Tapes, dem Podcast des Festivals, nacherleben. Die Folgen der fünften Staffel sind ab Samstag, 27. September 2025 auf Plattformen wie Spotify und Apple Podcast zu hören.

„Konstanten und Konstellationen“

Der Literarische Herbst 2024 in den Medien

Die Planungen für das Programm beginnen im Frühjahr. Da ahnt noch niemand, welche Bücher später für wichtige Preise nominiert werden. Ruth-Maria Thomas ist zu Gast mit ihrem Roman „Die schönste Version“, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand und für den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis nominiert ist – gemeinsam mit, unter anderem, Clemens Böckmann („Was du kriegen kannst“). „Ein unglaubliches Glück“, nennt das Nils Kahlefendt. Erfahrung und der richtige Riecher gehören jedoch auch dazu. Thomas und Böckmann lesen im Rahmen der Veranstaltung „Beste erste Bücher“ im Ost-Passage Theater. Diese Reihe gehört – wie die beiden Ausgaben des Lyrikhotels oder der Buchsalon – zu den Konstanten des Festivals, die das Team seit 2019 etabliert. Erstmals ist nun die Leipziger Buchmesse Kooperationspartnerin der „Besten ersten Bücher“, das Format auch im März im Rahmen von „Leipzig liest“ präsent.

Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung


Vom 21. bis 27. Oktober gibt es wieder den Literarischen Herbst in Leipzig – mit bezaubernden Autorinnen und Autoren an eindrucksvollen Leseorten und mit Lesestoff, der das herbstliche Herz noch einmal erwärmt, bevor es wirklich Winter und kalt wird.

Ralf Julke, Leipziger Zeitung


Eine Aufsehen erregende Großthese zum Untergang der Weimarer Republik legt Jens Bisky nicht vor. Ebenso wenig bemüht sein Buch den Vergleich heutiger, krisengeschüttelter Verhältnisse mit denen von Weimar, was der Autor nur für „frivol“ hält, „wenn es nicht konkret wird“… Ein Vergleich mit unserer politischen Gegenwart ist nach Bisky jedoch durchaus als Appell an den politischen Betrieb zu verstehen: Nämlich, dass dort, wo es an problemorientiertem, pragmatischem Handeln mangelt, die extremistischen Ränder bis zur Unbeherrschbarkeit wachsen.

Werner Kopfmüller, Leipziger Volkszeitung


Gemeinsam sitzen Martina Hefter und Jan Kuhlbrodt im knackvollen Auditorium der Galerie für Zeitgenössische Kunst, Kuhlbrodt wegen seiner MS-Erkrankung im Rollstuhl, und sprechen mit dem Moderator Andreas Platthaus über Verbindungen und Parallelen ihrer unabhängig voneinander entstandenen Romane. Deren autofiktionale Anteile einander ergänzen und ineinandergreifen. In „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ ist Kuhlbrodt in der Figur des Jupiter erkennbar. „Ich muss mich auch mal trauen, etwas zu machen, von dem man glaubt, dass man es eigentlich nicht machen kann“, sagt Hefter. „Deine Eleganz muss man schon auch noch anmerken“, sagt sie auf der Bühne zu ihm, der ebenfalls mit Komplimenten nicht spart. Es ist ein Abend persönlicher und literarischer Liebeserklärungen. So schön kann das sein.

Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung


Maria Stepanova war eine der eindringlichen und vielfältigen Stimmen beim Literarischen Herbst Leipzig, die vorführten, wie die Literatur den Raum zwischen zwei Positionen beleuchten kann – und Verbindungen aufzeigt, die durch politische Polarisierungen verdeckt werden.

Cornelius Wüllenkemper, Deutschlandfunk, Kultur heute


Im von Katharina Raabe moderierten und von Olga Radetzkaja souverän gedolmetschten Gespräch erzählt Maria Stepanova von der Gewalt, die längst schon nicht mehr nur Mittel zum Zweck ist, sondern zum staatlichen Selbstzweck geriet. Zu einer Art sich selbsterfüllenden Begehrens. Thomas Hobbes’ „Leviathan“ ist endgültig zum allumfassenden Untier degeneriert und hat sich folglich auch die Sprache einverleibt. […] Was das Untier will, davon zeigt sich Stepanova überzeugt, ist „die Lebensfreude zerstören“. Nur dass Literatur, ist sie substanziell genug, helfen kann, genau das zu verhindern. Sei sie noch so dunkel grundiert, verzweifelt oder gebrechlich: Eine Sprache, wie Stepanova sie spricht, das zeigt auch dieser Abend, ist für jedweden Leviathan unverdaulich. Und sie wird bleiben und Freude spenden, wenn das Untier längst nur noch ein grotesker Kadaver der Geschichte ist.

Steffen Georgi, Leipziger Volkszeitung

Zum Nachhören

  • MDR Kultur: Jörn Dege über den Literarischen Herbst 2024
  • Deutschlandfunk: Cornelius Wüllenkemper mit der Herbst-Bilanz 2024

Galerie

© Gert Mothes